Der Mann neben dem Motor hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, und er sah aus, als hätte er das schon öfter gemacht. So beginnt unser Clip vom Pro Mod Camaro in Cayuga: eine Kompressorhutze in Koffergröße auf der Haube eines schwarz-roten Chevrolet, im Leerlauf in der Vorstartzone, während der Asphalt unter den Füßen summt. Wir hatten so etwas nie zuvor live erlebt. Seitdem sind wir andere Menschen.

Pro Mod: die wildeste Klasse mit Türen
Pro Mod, kurz für Pro Modified, ist die verrückteste „Door-Slammer“-Klasse im Dragracing. Die Autos sehen aus wie Straßenautos, mit echten Türen, die man öffnen kann, und Karosserien in Form eines Camaro, eines Mustang oder einer Corvette. Darunter steckt aber ein eigens gebauter Gitterrohrrahmen mit Karosserie aus Carbon. Die Motoren sind riesig und je nach Reglement mit Kompressor, Turbo oder Lachgas aufgeladen. Nach NHRA-Regeln schaffen die schnellsten Pro Mods die Viertelmeile in unter sechs Sekunden und kommen mit mehr als 250 mph ins Ziel. Das ist schneller als jedes Straßenauto, das man kaufen kann, und das in einem Auto mit Beifahrertür. Wer schon einmal bei den NitrOlympX in Hockenheim an der Strecke stand, ahnt, wovon die Rede ist.
Der Camaro im Detail: Kompressor, offene Krümmer, Wheelie Bars

Unser Auto trägt den Schriftzug „Camaro“ auf dem vorderen Kotflügel und eine schwarz-rote Folierung in Carbonoptik mit scharfen Streifen. Der Kompressor steht senkrecht aus der Haube, und vier kurze Auspuffrohre kommen direkt hinter dem Vorderrad seitlich aus der Karosserie: keine Schalldämpfer, keine Katalysatoren, nur offene Krümmer, die auf den Asphalt zielen. Bei 0:06 rollt er so nah an der Kamera vorbei, dass man ihn hätte anfassen können. Mit einer Eintragung müsste man hier gar nicht erst anfangen.
Von hinten hört das Theater mit dem Straßenauto auf. Hinten sitzen riesige Drag-Slicks, Wheelie Bars ragen aus dem Heck, damit die Front beim Start nicht zu weit steigt, und zwei Fallschirmpakete hängen am Heck, um am anderen Ende der Bahn wieder abzubremsen. Der Camaro rollt durch die Wasserbox und lässt die Reifen im Burnout qualmen, der klassische Weg, das Gummi aufzuheizen und für Grip zu säubern.
Der Start

Bei 0:12 tritt die Crew zurück, und das Team in einheitlich schwarzen Shirts stellt sich hinter dem Auto auf. Dann geht es los. Der Clip wird zu einem rot-schwarzen Wischer, eine Wolke Reifenqualm zieht über die Zuschauer, und auf der anderen Bahn blitzt ein orangefarbenes Auto vorbei. Bei 0:20 ist der Camaro schon weit die Bahn hinunter, die Vorderräder in der Luft, vorbei an einem Zuschauer, der mit erhobener Kamera auf dem Grashang sitzt.

Toronto Motorsports Park in Cayuga
Der Toronto Motorsports Park liegt in Cayuga, Ontario, rund anderthalb Stunden südwestlich von Toronto. Er ist die große Viertelmeilen-Bahn der Provinz und richtet auch Rundstreckenrennen aus, was ihn zu einer der meistgenutzten Motorsportanlagen in Reichweite der Stadt macht. Fahrer und Team dieses Autos kennen wir nicht, also lassen wir sie ungenannt, bis wir es wissen.
Warum uns das so gepackt hat
Das meiste, worüber wir berichten, kommt aus Japan: präzise, leicht, clever. Pro Mod ist in jeder Hinsicht das Gegenteil, und trotzdem genauso viel Ingenieursarbeit. Wer große amerikanische Motoren an unerwarteten Orten mag, liest weiter beim Silvia S14 mit V8 von Slammedenuff oder steigt in unserer Geschichte zum Koenigsegg Agera RS als Beifahrer in einen Supersportwagen in Kanada. Und wer je die Chance hat, bei einem Pro-Mod-Start an der Bahn zu stehen: hingehen. Gehörschutz mitnehmen. Die Hände wandern trotzdem an die Ohren.
Video: One Breath Pictures.

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